Dienstag, 19. Januar 2010 - Poker-Legenden

Poker-Legenden Teil 7: Chinese Poker

Um kaum einen Zeitvertrieb der High-Stakes-Profis ranken sich wildere Geschichten als um Chinese Poker. Beim Glücksspiel mit 13 Karten nehmen sich Phil Ivey & Co. im Flugzeug oder in der Hotellobby tausende Dollar ab. PokerAction erklärt, wie das Spiel funktioniert.

Von Lukas Hadorn

Wenn Phil Ivey und Eli Elezra gemeinsam in einem Privatjet sitzen, der Amerikaner mit säuerlicher Miene, der Israeli zufrieden grinsend und "crying baby! crying baby!" höhnend, dann kann eigentlich nur ein Spiel am Laufen sein: Chinese Poker.

Die Variante mit 13 Karten pro Spieler gehört zur Lieblingsbeschäftigung der High-Stakes-Zocker, weil man nicht mehr benötigt als ein Deck Karten, Stift und Papier. Und weil man in kurzer Zeit unanständige Summen gewinnen und verlieren kann. Phil Hellmuth etwa kann ein Lied davon singen, er verlor 2007 während des EPT-Turniers in Monte Carlo 536'000 Dollar gegen Phil Ivey und Patrik Antonius – und dies, obwohl er nie zuvor in einer einzigen Pokerpartie mehr als 110'000 Dollar verloren hatte. "Ich war geschockt", so Hellmuth am Tag danach.

Aber Chinese Poker ist ja auch nicht wirklich Poker. Abgesehen von den Kombinationen (Drilling, Straight, Flush...) haben die beiden Spiele fast keine Gemeinsamkeiten, der Glücksfaktor ist beim Chinese Poker absolut entscheidend. Was wiederum nicht heisst, dass man kein Können dafür benötigt. Der zweifache Bracelet-Gewinner Tom Schneider etwa fasst es so zusammen: "Chinese Poker scheint ein einfaches Spiel zu sein. Aber bevor man es nicht selbst gespielt hat, kann man sich gar nicht vorstellen, wie viele Fehler man dabei machen kann."

So lässt sich die Taktik beim Chinese Poker denn auch zusammenfassen: Zuerst Fehler vermeiden, dann Gewinne maximieren.

Chinese Poker spielt man zu Zweit, zu Dritt oder zu Viert. Mit vier Spielern macht das Spiel am meisten Spass, dabei erhält jeder Spieler 13 Karten, aus denen er drei Hände bilden muss:

Die Vorderhand z.B.

Die Mittelhand
z.B.

Die Hinterhand
z.B.

Die Hinter- und die Mittelhand bestehen aus jeweils fünf, die Vorderhand aus drei Karten. Die Mittelhand muss besser sein als die Vorderhand (für die weder Straights noch Flushes zählen), die Hinterhand muss besser sein als die Mittelhand. Das sind die einzigen Regeln. Klingt simpel, oder?

Wer nicht selbst einmal 13 Karten in den Fingern gehalten hat, kann sich nicht vorstellen, wie vielfältig die möglichen Kombinationen – und damit die potenziellen Fehler sind. Wo der Amateur nur Kraut und Rüben sieht, erblickt der Profi schnell die eine oder andere Kombination, die ihm zwar nicht den Sieg bringt, aber den "Scoop" verhindern kann – den Totalverlust. Aber um das zu verstehen, müssen wir zuerst auf die Zählweise beim Chinese Poker eingehen.

Die gängigste Abrechnungsvariante ist die 2/4-Regel. Beim Chinese Poker wird um Punkte gespielt, es spielt jeder gegen jeden, und am Ende der Session wird abgerechnet, wer wem wie viele Punkte schuldet. Ein Beispiel:

Spieler 1 zeigt

Vorderhand
Mittelhand
Hinterhand

Spieler 2 zeigt

Vorderhand
Mittelhand
Hinterhand

Zuerst vergleichen die Spieler ihre Vorderhände: Spieler 1 gewinnt mit einem Paar Damen gegen den König von Spieler 2. In der Mittelhand hat hingegen Spieler 2 die Nase vorn: Er zeigt eine Straight, Spieler 1 kann nur einen Drilling vorweisen. Und auch in der Hinterhand gewinnt Spieler 2, zwar haben beide Spieler eine Strasse, jene von Spieler 1 ist aber tiefer angesiedelt.

Somit gewinnt Spieler 1 für die Vorderhand einen Punkt (1-0), verliert aber die Mittel- und die Hinterhand (0-2). Endresultat zwischen diesen beiden Spielern für diese Runde: 1-2. Für den Gesamtsieg pro Runde gibt es einen Extrapunkt, Spieler 2 gewinnt also mit zwei Punkten Differenz. Hätte er alle drei Hände gewonnen, so hätte er den "Scoop" geschafft und hätte dank des Extrapunkts gleich vier Punkte gegen Gegner 1 geskort. Da ein Spieler pro Runde 2 oder 4 Punkte gewinnt oder verliert, nennt man die Zählweise 2/4-Regel. Auch Unentschieden sind möglich, wenn beide Spieler auf einer Position eine identische Hand vorweisen.

So wird zwischen jedem Spieler nach jeder Runde abgerechnet. Am Ende des Spiels gewinnt Spieler 1 womöglich 75 Punkte gegen Spieler 2, verliert aber 16 Punkte gegen Spieler 3. Wie stark das Resultat schmerzt, hängt vom zuvor vereinbarten Wert pro Punkt ab. Ivey & Co. Spielen gerne um mehrere tausend Dollar pro Punkt.

Zusätzliche Spannung versprechen so genannte Royalties für besonders hohe Kombinationen, etwa einen Drilling vorne, ein Full House in der Mitte oder Quads in der Hinterhand. Auch 13-Karten-Straights, drei Flushes oder drei Hände ohne Face Card ("No people") werden mit Extrapunkten belohnt, hier lohnt es sich, die Hausregeln genau zu kennen. In Vegas wird auch gerne die Sonderregel angewandt, dass die Mittelhand als 2-7-Lowball-Hand gespielt wird.

In einer zweiteiligen Serie hat Tom Schneider gegenüber Cardplayer TV die wichtigsten Regeln von Chinese Poker zusammengefasst (Teil 1, Teil 2). Er empfiehlt, stets zuerst nach Flushes, dann nach Strassen und nach Paaren zu suchen. Für gewisse Draws gibt es eine "optimale Spielweise", für fünf Paare etwa. Das höchste Paar kommt in die Vorderhand, das zweithöchste zusammen mit dem tiefsten in die Hinterhand, und die beiden mittleren Paare in die Mittelhand. Eine gute Auswahl, so Tom Schneider, würden wohl 98 Prozent aller guten Spieler genau gleich auf drei Hände verteilen (hier kann man Phil Ivey bei der Auswahl zuschauen).

Die wichtigste Regel aber sei, den sicheren Sieg dem Scoop vorzuziehen, weil sonst eine Niederlage daraus werden könnte. Und das, Phil Hellmuth weiss es, kann schnell teuer werden.

 
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