Donnerstag, 18. Februar 2010 - Nice Hand

"Nice Hand" - Video-Review mit den Profis (Ronald Grauer 3/4): Spiel mit den Stacksizes

Herzlich Willkommen zur 11. Ausgabe von "Nice Hand". In dieser Wochenrubrik hocken wir uns mit einem Poker-Profi vor den Computer und schauen uns ein Youtube-Video an; die Aufzeichnung einer besonders interessanten, lustigen oder sonstwie bemerkenswerten Hand. Dabei wollen wir erfahren, was der Pro von den gezeigten Moves hält, was er anders gemacht hätte und was man sonst noch so alles daraus lernen kann.

Von Lukas Hadorn (Foto: Gianni Pisano)

Kaum einer kann von sich behaupten, ein Geburstagsgeschenk habe sein Leben verändert. Bei Ronald Grauer ist das so. Vor ein paar Jahren kriegte der 31-jährige Zürcher einen Pokertisch geschenkt, heute zählt er als "ronaldgrauer" zu den erfolgreichsten Online-Spielern der Welt. Im Ranking zum "Online Player of the Year 2009" des renommierten "BLUFF Magazine" schaffte er es auf Platz 9, und auch im 2010 hat Grauer schon wieder gut losgelegt: Bereits stehen diverse fünfstellige Cashes zu Buche, darunter ein 2. Platz beim "Sunday Brawl" auf Full Tilt Poker ($ 71'736). Damit steht Grauer derzeit auf Platz 5 der Weltrangliste. Dass er auch live eine gute Figur macht, bewies er im Juni mit seinem Sieg im "Summer Daily" im Bellagio in Las Vegas ($ 18'525).

In der Schweiz ist Grauer indes eher als Partyveranstalter denn als Pokerspieler bekannt. Er gehört zu den ganz grossen Namen in der Szene, Labels wie "Fresh&Stable" oder "Tanzkarussell" hat er mitgegründet. Wer also keine Zeit hat, ihn auf PokerStars oder Full Tilt zu railen, kann ihm auch dabei zusehen, wie er im Kaufleuten oder im Mascotte hinter den Plattentellern steht. Am vergangenen Wochenende fand er sich für einmal in der Swiss Pokerlounge ein, wo er im Rahmen der Swiss Poker Master Tour (SPMT) als "Swiss Online Player of the Year 2009" ausgezeichnet wurde.

Nun aber zu den Videos, die Ronald Grauer für uns analysiert hat. Wir haben Hände ausgewählt, die im Herbst beim "Party Poker World Open V" in London gespielt wurden, einer Serie von insgesamt sechs Sit'n'Go's mit jeweils acht Spielern, deren Sieger sich direkt für den Finaltisch qualifiziert. Die Zweitplatzierten durften immerhin zu einem Hoffnungslauf antreten. Gestartet wurde mit 300'000 in Chips, was einem doch komfortablen Verhältnis von 150 Big Blinds entsprach.

In Heat 3 trafen mit Tom "durrrr" Dwan, Roland De Wolfe, Sammy George und Neil Channing ein paar ganz grosse Namen aufeinander, und der Brite George war es auch, der in der folgenden Hand mit einem Raise auf 18'000 (Blinds 3000/6000) die Schraube anzog. Chipleaderin Jennifer Tilly mit lag gegen Sammy George's zwar deutlich in Front, zog es aber vor, die Hand zu folden. Roland De Wolfe hatte ebenfalls auf der Hand und beschloss, sich den Flop anzuschauen. Vielleicht hätte er besser schon von Beginn weg die Initiative ergriffen...



Roland De Wolfe macht nicht gerade einen guten Eindruck in dieser Hand, was?
Stimmt, dabei ist er ein grossartiger Spieler. Ausser Gavin Griffin hat nur er es bisher geschafft, ein EPT-, ein WPT- und ein WSOP-Turnier zu gewinnen. Ich sass im letzten Jahr während der WSOP lange am gleichen Tisch wie er und war sehr beeindruckt. Er wirkte sehr locker und hatte stets ein spitzbübisches Grinsen im Gesicht. Hier wirkt er irgendwie unsicher, er scheint nicht gerade seine beste Spielphase zu durchleben.

Trotzdem callt er mit der gleichen Hand, die Jennifer Tilly foldet.
Da sind eigentlich beide Varianten in Ordnung. Ich folde in einer solchen Situation meistens auch. Roland de Wolfe beschliesst, die Hand zu spielen, aber wenn schon, dann würde ich hier eher raisen.

Ihr Online-Jungs könnt den 3-Bet einfach nicht lassen, was?
(Lacht) Es ist aber auch ein tolles Instrument. Ich mache mal ein Beispiel: Ein Online-Turnier, ich habe ungefähr 30 Big Blinds übrig. Mein Gegner, der ähnlich viele Chips hat wie ich, open-raist in später Position auf 2,5 Big Blinds, ich sitze auf dem Button mit . Statt zu callen oder zu folden reraise ich hier um ungefähr das Dreifache, womit ich meinen Gegner vor die Entscheidung stelle, ob er mit seiner Hand alle seine Chips riskieren will oder nicht. Denn wenn er callt, wächst der Pot auf 15 bis 20 Big Blinds, er hat also nur noch einen potsize Bet übrig. Und da Open-Raises in später Position halt auch häufig mit mittelmässigen Händen passieren, schmeisst der Gegner dann meist weg. Darum sind 3-Bets in solchen Situationen so profitabel.

Klingt einleuchtend. Trotzdem entschliesst sich Roland De Wolfe hier für einen Call.
Das ist ok. Letztendlich muss das jeder Spieler selbst entscheiden, ein Spielzug muss immer auch zum Spielertyp passen.

Auf dem Flop kommt , Sammy George floppt also den Nut Flush Draw. Überraschenderweise checkt er aber.
Gefällt mir auch nicht so gut. Im Pot sind 45'000, De Wolfe hat 125'000 behind. Ich würde hier 26'000 anspielen und niemals folden, wenn er raist. Eine andere Variante wäre ein Check-Raise, aber eine Bet wäre aus meiner Sicht die beste Lösung.

Dank seines Checks bringt er De Wolfe aber dazu, seinerseits die Initiative zu übernehmen.
Ja, und dann würde ich hier auf jeden Fall auf rund 60'000 check-raisen. Callen halte ich für keine gute Idee. Egal was De Wolfe dann macht, ob er foldet oder all-in geht, George kann mit beidem zufrieden sein, da er ja nur einen starken Draw hat, keine fertige Hand.

Auf dem Turn kommt die und Sammy George checkt erneut.
Das hingegen macht Sinn. Ein Spielzug muss ja als Ganzes Sinn machen, und zu einem Check-Call auf dem Flop passt hier kein Donkbet. Gute Spieler würden an dieser Stelle eigentlich nie donkbetten.

Roland de Wolfe ist die Sache nicht geheuer, er checkt behind.
Das muss er, gar keine Frage. Mit Ass hoch hat seine Hand einen gewissen Showdown Value, er versucht sie also auf den River weiterzuziehen, ohne den Pot weiter aufzubauen. Ich hätte an seiner Stelle mit derselben Überlegung schon auf dem Flop nur gecheckt. Aber nach dem komischen Check-Call von George auf dem Flop bleibt ihm am Turn gar nichts anderes übrig, als behind zu checken.

Auf dem River kommt der und George bettet 50'000 in einen Pot von 95'000. Welche Hände kann er damit plausibel repräsentieren?
Plausibel nicht wirklich viele, seine Betting Line macht keinen Sinn. Darum fragt ihn De Wolfe ja auch, ob er da irgendwie ein Full House zusammengebastelt habe. Allerdings kann ihn De Wolfe auch nicht callen, selbst wenn er vermutet, dass George nichts hat. Die Stacksize von De Wolfe ist hier entscheidend, wenn er nämlich callt und falsch liegt, dann ist er so gut wie tot.

Warum zeigt ihm George den Bluff? Zeigst Du den Gegnern Deine Karten?
In der Regel nicht, nein, man gibt schlicht zu viele Informationen preis, wenn man das tut. Aber ab und zu kommt es halt vor.

Wie hast Du es eigentlich mit Tilt? Verlierst Du häufig die Fassung beim Spielen? Oder hast Du Dich gut im Griff?
Ich denke schon, dass ich mich ziemlich gut im Griff habe, die meisten erfahrenen Spieler tilten seltener, weil sie alles schon mal gesehen haben. Aber während meinem Downswing Ende des vergangenen Jahres habe ich gemerkt, dass ich schlechter spiele. Auch als ich mir später die Hand Histories angeschaut habe, hat sich das deutlich gezeigt. Meine Resultate hatten einen Einfluss auf die Qualität meines Spiels, und das sollte natürlich nicht sein.

Wie kommt man aus einem solchen Loch wieder raus?
Mir hat es beispielsweise geholfen, mit anderen Leuten zusammen zu spielen. Wenn ich dann in gewissen Spots nicht sofort bereit war, das nötige Risiko auf mich zu nehmen, war es hilfreich, dass Steff ("YrrsiN" Huber) neben mir sass und schrie: "Ship das rein!!"

***

In der kommenden Woche schauen wir uns noch einmal eine Hand mit Sammy George an, allerdings ist er dann nicht Absender, sondern Empfänger eines Bluffs.

 
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