"Nice Hand" - Video-Review mit den Profis (Ronald Grauer 2/4): 3-Bet, 4-Bet, 5-Bet - muss das sein?
Herzlich Willkommen zur 10. Ausgabe von "Nice Hand". In dieser Wochenrubrik hocken wir uns mit einem Poker-Profi vor den Computer und schauen uns ein Youtube-Video an; die Aufzeichnung einer besonders interessanten, lustigen oder sonstwie bemerkenswerten Hand. Dabei wollen wir erfahren, was der Pro von den gezeigten Moves hält, was er anders gemacht hätte und was man sonst noch so alles daraus lernen kann.
Kaum einer kann von sich behaupten, ein Geburstagsgeschenk habe sein Leben verändert. Bei Ronald Grauer ist das so. Vor ein paar Jahren kriegte der 31-jährige Zürcher einen Pokertisch geschenkt, heute zählt er als "ronaldgrauer" zu den erfolgreichsten Online-Spielern der Welt. Das Jahr 2009 beendete er auf Platz 9 der Weltrangliste (BLUFF Magazine), nach einem fulminanten Start ins neue Jahr führt ihn das Card Player Magazine derzeit sogar auf Platz 1 der Rangliste im Rennen um den Online Player of the Year. Anders ausgedrückt: Im Moment ist Ronald Grauer der beste Online-Turnierspieler der Welt. Dass er auch live eine gute Figur macht, bewies er im Juni mit seinem Sieg im "Summer Daily" im Bellagio in Las Vegas ($ 18'525).
In der Schweiz ist Grauer indes eher als Partyveranstalter denn als Pokerspieler bekannt. Er gehört zu den ganz grossen Namen in der Szene, Labels wie "Fresh&Stable" oder "Tanzkarussell" hat er mitgegründet. Wer also keine Zeit hat, ihn auf PokerStars oder Full Tilt zu railen, kann ihm auch dabei zusehen, wie er im Kaufleuten oder im Mascotte hinter den Plattentellern steht.
Nun aber zu den Videos, die Ronald Grauer für uns analysiert hat. Wir haben Hände ausgewählt, die im Herbst beim "Party Poker World Open V" in London gespielt wurden, einer Serie von insgesamt sechs Sit'n'Go's mit jeweils acht Spielern, deren Sieger sich direkt für den Finaltisch qualifiziert. Die Zweitplatzierten durften immerhin zu einem Hoffnungslauf antreten. Gestartet wurde mit 300'000 in Chips, was einem doch komfortablen Verhältnis von 150 Big Blinds entsprach.
In Heat 3 trafen mit Tom "durrrr" Dwan, Roland De Wolfe, Sammy George und Neil Channing ein paar ganz grosse Namen aufeinander, vor allem auf Dwans Performance durfte man gespannt sein. In der folgenden Hand machte er seinem Ruf auch gleich alle Ehre und callte Gustav Ekerots Open-Raise mit 
. Als dann jedoch Jennifer Tilly mit einem 3-Bet drüberkam und Gustav Ekerot nach langem Überlegen erneut raiste, wurde es auch Dwan zuviel. Er zog sich sinnvollerweise zurück, während die beiden anderen die Fetzen fliegen liessen...
Mit 
einen 5-Bet-Shove von Jennifer Tilly callen - muss das sein?
Nein, das war grottenschlecht gespielt von Gustav Ekerot. Ich konnte es kaum glauben, dass er diesen Call gemacht hat, vor allem gegen eine Gegnerin wie Jennifer Tilly.
Der Reihe nach. Er beginnt ja schon mal mit einem ganz kleinen Raise. 2,25 Big Blinds mit 
aus früher Position - was bezweckt er damit?
Ekerot sieht mir nach einem Online-Qualifikanten aus. Und Online-Spieler machen grundsätzlich kleinere Raises als Live-Spieler. Ekerot will sicher auch etwas Action, schliesslich hat er eine gute Hand. Ich hätte an seiner Stelle ähnlich viel geraist, wahrscheinlich auf 10'000.
Online-Spieler raisen weniger als Live-Spieler, weil sie irgendwann gemerkt haben, dass ein Raise auf 2,5 Big Blinds eine ähnlich hohe Fold Equity verspricht wie ein Raise auf 3,5 Big Blinds, einfach mit einem kleineren Risiko. Kann man so etwas einfach aufs Live-Spiel übertragen?
Man wird schon häufiger gecallt an Live-Turnieren, weil Live-Spieler ihre Entscheidungen lieber erst postflop treffen.
Das würde doch dafür sprechen, seine Raises etwas höher anzusetzen.
Ja und nein. Es hängt natürlich auch davon ab, ob man sich seinen Gegnern postflop überlegen fühlt oder nicht. Wenn ein schlechter Gegner meinen 2,5-fachen Raise out of position callt, dann ist mir das egal, ich spiele auch gerne postflop gegen ihn.
Tom Dwan jedenfalls lässt sich vom Raise Ekerots nicht abschrecken und callt mit einem wahren Monster: 
.
(Lacht) Das spielt hier gar keine Rolle, was er hat, Tom Dwan braucht keine Karten, um einen solchen Call zu machen. Der Typ ist so unglaublich gut, der spielt hier einzig und allein den Gegner, weil er weiss, dass er fast jedem Gegner klar überlegen ist.
Jennifer Tilly ihrerseits ist mit ihren Assen nicht zum Spassen aufgelegt: Sie raist auf 44'000...
Grundsätzlich ist es richtig, dass sie raist. Sie ist out of position, und sie weiss, dass sie ihren Gegnern unterlegen ist. Aber die Betgrösse sagt schon einiges aus. Man merkt, dass sie Angst hat vor einem Call. Sie will auf keinen Fall die Asse out of position gegen einen Gegner wie Tom Dwan spielen.
Was hältst Du vom 4-Bet Ekerots auf 94'000?
Ich persönlich würde hier niemals 4-betten, sondern mir in Position einen Flop anschauen. Aber man kann es machen, und wenn, dann ist die Betsize mit 94'000 perfekt. Das ist ein Informations-Raise, er will schauen, wie Tilly darauf reagiert. Und sie reagiert sehr eindeutig: 5-Bet all-in. Da müsste Ekerot seine Jacks aber sofort wegschmeissen. Früh im Turnier folde ich hier sogar 
. Und zwar ganz easy.
Kann es sein, dass Ekerot ihren 5-Bet missversteht? Viele gute Spieler würden an Tillys Stelle mit Pocket Aces wohl nur callen.
Ja, vielleicht denkt er, sie sei besser, als sie es wirklich ist. Je nach Gegner können unterschiedliche oder sogar entgegengesetzte Spielzüge richtig sein, das hängt davon ab, auf welchem Niveau der Gegner denkt. Dieses "Level Thinking" ist einer der Gründe, warum mich Poker dermassen fasziniert. Sobald sich auf einem bestimmten Level ein Spielzug als "richtig" etabliert hat, kann man ihn ausnützen.
Stefan Huber, ein Online-Kollege von Dir, hat im Interview gesagt, er müsse aufpassen, die 3-Bets seiner Gegner an Live-Turnieren nicht automatisch als "light" aufzufassen, als rein strategischer Zug mit einer mittelmässigen Hand also. Wie verhinderst Du, dass Du "im falschen Level denkst"?
Wenn ich Live-Turniere spiele, dann versuche ich, so einfach und geradlinig wie möglich zu denken. "Lighte" 3-Bets und 4-Bets sind live viel seltener, was übrigens auch wieder mit der Grösse der Open-Raises zusammenhängt, über die wir eingangs gesprochen haben. Vielleicht hat sich Ekerot in dieser Hand irgendwo ins falsche Level gedacht, anders kann ich mir diesen Call nicht erklären.
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In der kommenden Woche schauen wir uns eine Hand an, in der Roland De Wolfe mit einer Bet konfrontiert ist, die zwar keinen Sinn macht, er aber trotzdem nicht callen kann.










