Donnerstag, 04. Februar 2010 - Nice Hand

"Nice Hand" - Video-Review mit den Profis (Ronald Grauer 1/4): Gefährliches oder geniales Slowplay?

Herzlich Willkommen zur 9. Ausgabe von "Nice Hand". In dieser Wochenrubrik hocken wir uns mit einem Poker-Profi vor den Computer und schauen uns ein Youtube-Video an; die Aufzeichnung einer besonders interessanten, lustigen oder sonstwie bemerkenswerten Hand. Dabei wollen wir erfahren, was der Pro von den gezeigten Moves hält, was er anders gemacht hätte und was man sonst noch so alles daraus lernen kann.

Von Lukas Hadorn (Foto: Gianni Pisano)

Kaum einer kann von sich behaupten, ein Geburstagsgeschenk habe sein Leben verändert. Bei Ronald Grauer ist das so. Vor ein paar Jahren kriegte der 31-jährige Zürcher einen Pokertisch geschenkt, heute zählt er als "ronaldgrauer" zu den erfolgreichsten Online-Spielern der Welt. Im Ranking zum "Online Player of the Year 2009" des renommierten "BLUFF Magazine" schaffte er es auf Platz 9, und auch im 2010 hat Grauer schon wieder gut losgelegt: Bereits stehen fünf fünfstellige Cashes zu Buche, darunter ein 2. Platz beim "Sunday Brawl" auf Full Tilt Poker ($ 71'736). Damit steht Grauer derzeit auf Platz 5 der Weltrangliste. Dass er auch live eine gute Figur macht, bewies er im Juni mit seinem Sieg im "Summer Daily" im Bellagio in Las Vegas ($ 18'525).

In der Schweiz ist Grauer indes eher als Partyveranstalter denn als Pokerspieler bekannt. Er gehört zu den ganz grossen Namen in der Szene, Labels wie "Fresh&Stable" oder "Tanzkarussell" hat er mitgegründet. Wer also keine Zeit hat, ihn auf PokerStars oder Full Tilt zu railen, kann ihm auch dabei zusehen, wie er im Kaufleuten oder im Mascotte hinter den Plattentellern steht.

Nun aber zu den Videos, die Ronald Grauer für uns analysiert hat. Wir haben Hände ausgewählt, die im Herbst beim "Party Poker World Open V" in London gespielt wurden, einer Serie von insgesamt sechs Sit'n'Go's mit jeweils acht Spielern, deren Sieger sich direkt für den Finaltisch qualifiziert. Die Zweitplatzierten durften immerhin zu einem Hoffnungslauf antreten. Gestartet wurde mit 300'000 in Chips, was einem doch komfortablen Verhältnis von 150 Big Blinds entsprach.

In Heat 3 trafen mit Tom "durrrr" Dwan, Roland De Wolfe, Sammy George und Neil Channing ein paar ganz grosse Namen aufeinander, vor allem auf Dwans Performance durfte man gespannt sein. Zunächst stand aber der 20-jährige Brite Josh Gould im Rampenlicht, er hatte schon früh einen Grossteil seiner Chips abgeben müssen und galt mit einem Stack von 124'000 als Short Stack am Tisch (bei Blinds 1000/2000). Mit callte er Dwans Raise, und auch Sammy George mit und Neil Channing mit wollten sich den Flop anschauen. Dieser kam mit Salz, Pfeffer und , das Feuerwerk konnte beginnen...



Ronald, was sind Deine ersten Gedanken zu dieser Hand?
Zuerst muss man ganz grundsätzlich feststellen, dass die Spieler enorm deep sind, sogar der "Short Stack" Josh Gould hat mehr als 60 Big Blinds übrig, das ist sehr, sehr viel, auch wenn die Blinds schnell ansteigen. Es ist also völlig ok, sich hier mit einem kleinen Pocket Pair für Setvalue den Flop anzuschauen.

Was auffällt, ist dass Tom Dwan mit in früher Position nicht reinlimpt, sondern raist. Viele Spieler würden hier wohl nur callen mit einem kleinen Paar.
Das finde ich absolut in Ordnung. Ich limpe eigentlich nie in einen Pot rein. Wenn ich eine Hand spiele, dann eröffne ich mit einem Raise.

Warum ist ein Open-Raise einem Open-Limp vorzuziehen?
Zum einen hat man die Möglichkeit, den Pot schon preflop zu gewinnen, zum anderen gewinnt man postflop die Kontrolle über die Hand, weil man ja schon vor dem Flop geraist hat. Wenn man nur reinlimpt, passiert es allzuoft, dass ein Spieler in später Position raist und man entweder folden oder einen aufgeblähten Pot out of position spielen muss. In diese Situation will ich nicht kommen, also raise ich lieber gleich selbst. An Live-Turnieren sieht man viele Open-Limps, und für mich ist das in der Regel ein Zeichen dafür, dass mein Gegner eher unerfahren ist.

Dwans Gegner callen allesamt. Gäbe es für einen von ihnen Argumente für einen 3-Bet?
Nein, das ist eigentlich schon ok so. Wie gesagt, die Spieler sind so deep, dass man einen 4-Bet zu befürchten hat, wenn man hier reraist, und das will mit diesen Händen keiner der Spieler riskieren. Die haben alle eine anständige Hand und wollen sich mal den Flop anschauen.

Dieser kommt ...
Ein Wahnsinnsflop. Channings checkt hier, und das muss er auch. Wenn sich fünf Leute den Flop anschauen, muss man mit einer Hand wie Top Pair ultravorsichtig sein. Der will hier nicht mit einer Bet den Pot gegen vier Gegner gross machen. Josh Goulds Check gefällt mir hingegen nicht so gut. Einer seiner vier Gegner hat hier sicher etwas, der sollte versuchen, seine Chips reinzukriegen. Ich würde hier etwa die halbe Potgrösse anspielen. Denn was tut er, wenn reihum gecheckt wird und auf dem Turn das Flush kommt?

Vielleicht will Gould als Short Stack einfach um jeden Preis verhindern, diesen Pot abzuwürgen. Auch wenn er dabei sein Ausscheiden riskiert. Auf dem Turn und River bekommt er sicher mehr Value, wenn er sein Set hier checkt.
Das stimmt grundsätzlich, aber Gould ist mit 62 Big Blinds nicht wirklich short. Also wenn er hier schon checkt, dann sollte er wenigstens check-raisen, nachdem Sammy George bettet und Neil Channing callt.

Ist Channings Call hier vertretbar?
Ja, nachdem alle checken und George eine relativ kleine Bet bringt, macht sein Call mit Top Pair schon Sinn.

Auf wieviel würdest Du an Josh Goulds Stelle hier check-raisen? Und welche Hände repräsentierst Du damit?
Nach der Bet und dem Call würde ich wohl auf rund 45'000 check-raisen. Das könnte ich mit made hands wie Two Pair oder einem Set tun, aber auch nur mit einem Flush Draw. (Überlegt) Wobei, je länger ich mir das überlege, desto besser gefällt mir eigentlich der Call von Josh Gould. Die Spieler sind so deep, wenn er hier check-raist, dann kriegt er von Händen wie Top Pair sicher keine weitere Action. Neil Channing beispielsweise würde sich sofort aus der Hand verabschieden. Doch, wahrscheinlich ist der Check-Call hier gar keine schlechte Idee. Eine etwas ungewöhnliche Linie, aber sie verspricht maximalen Value.

Auf dem Turn kriegt Channing den Drilling, er checkt aber erneut.
Dem ist die Sache nicht geheuer, das sieht man ihm an. Sie sind immer noch zu dritt, es ist sehr gut möglich, dass einer seiner Gegner hier ein Full House hat. Guter Check. So hält er den Pot klein.

Warum checkt hier auch Gould erneut? Der Pot ist inzwischen auf 84'000 angewachsen, er hat 100'000 übrig. Müsste er hier nicht betten?
Nicht nachdem er auf dem Flop gecheckt und nur gecallt hat. Da ist es konsequent, dass er auch auf dem Turn nur checkt. Nein, ein Donkbet wäre hier ganz schlecht, das würde überhaupt keinen Sinn machen.

George hingegen zieht mit seinem Full House weiter an. Er setzt 44'000 in 84'000. Wie gefällt Dir die Betsize?
Sehr gut. Er kann inzwischen davon ausgehen, dass einer seiner Gegner ein As hält, also lässt er sie dafür bezahlen. Ich finde übrigens auch den Call von Channing vertretbar, der hat ja jetzt seinerseits noch einige Outs, jede und das . Vielleicht denkt er sogar, eine oder eine würde ihm die beste Hand bescheren. Da kann er die 44'000 schon callen. Aber nachdem Gould dann hier all-in checkraist, ist der Fall sonnenklar, dann sind seine drei Asse ein easy Fold. Dass George callt ist klar, Set over Set ist in einer solchen Situation halt einfach Pech.

***

In der kommenden Woche schauen wir uns eine Hand an, in die Phil Laaks Freundin, die legendäre Jennifer Tilly verwickelt war. Nicht verpassen!

 
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