Mittwoch, 03. Februar 2010 - Interview

"Franzosen und Deutsche haben es einfacher als Amerikaner"

Der 35-jährige Per Hagen ist CEO von Poker Icons, einer der grössten Spielervermittlungs-Agenturen der Poker-Industrie. Im PokerAction-Interview erklärt der Norweger, wie das Business funktioniert, wie es sich in den letzten Jahren verändert hat und wie er sich die Zukunft vorstellt.

Von Lukas Hadorn

Per, wie wird man eigentlich Poker-Agent?
Bei mir ist das etwa drei Jahre her. Damals habe ich gemerkt, dass es mit Poker Royalty eigentlich nur eine grosse Spieleragentur gab, und diese war stark auf den US-Markt fokussiert. Auf dem europäischen Markt schien viel Potenzial brach zu liegen.

Also hast Du von heute auf morgen beschlossen, Spieleragent zu werden?
So einfach ist das natürlich nicht. Ich habe einen Business Plan gemacht, mir überlegt, was ich den Spielern, aber auch den Sponsoren an Mehrwert bieten kann. Es schien viel zu viele schlechte Spieler mit guten Deals und gute Spieler ohne Deals zu geben, und ich war überzeugt, daran etwas ändern zu können. Mit der Verpflichtung von Annette Obrestad haben wir natürlich gleich zu Beginn einen Glücksgriff getätigt. Kurze Zeit später gewann sie die World Series of Poker Europe und unterschrieb einen Vertrag mit Betfair.

Welchen Mehrwert bietet eine Spieleragentur konkret?
Pokerspieler sind in der Regel relativ jung, sie haben abseits vom Pokertisch nur wenig Erfahrung. Da können wir ihnen schon einiges bieten, egal ob es um Unterstützung bei Vertragsverhandlungen, um Karriereplanung oder die Investition ihres Vermögens geht.

Und warum würde ein Sponsor lieber mit einer Agentur zusammenarbeiten als mit dem Spieler direkt?
Weil wir die Spieler zuerst genau unter die Lupe nehmen und ihnen erklären, dass ein Profivertrag nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten beinhaltet. Wir nehmen einen Spieler nur dann unter Vertrag, wenn wir absolut überzeugt sind, dass er seinem Sponsor ein guter Botschafter sein wird. Die Sponsoren wissen das, und darum kommen sie zu uns.

Was auffällt, sind die vielen Online-Spieler, die bei euch unter Vertrag sind: David "Doc Sands" Sands, Chris "Moorman1" Moorman oder Alex "AJKHoosier1" Kamberis...
Ich hatte da schon früh die Theorie, dass die richtig guten Online-Spieler bald auch die Live-Turniere beherrschen würden. Daran glaube ich immer noch, das ist bloss eine Frage der Zeit. Die Online-Spieler sind auch aus Marketingsicht sehr interessant, sie kommen nicht selten mit einer riesigen Entourage an Freunden und Fans. Chris Moorman's Blog etwa verzeichnet rund 150'000 Leser, so etwas sehen wir bei den alteingesessenen "Brick & Mortar"-Spielern nur selten.

Muss man Spieler mit solchen Résumés überhaupt noch vermarkten?
Das ist schwieriger, als man denkt, die Sponsoren sind in letzter Zeit viel vorsichtiger geworden. Noch vor ein paar Jahren schien es, als bekäme jeder, der die Regeln kenne, gleich einen Profivertrag. Damit haben sich die Online-Anbieter selbst ein Bein gestellt, weil viele ihrer Vertragsspieler den Durchbruch eben nicht geschafft haben und auch abseits des Pokertischs nicht viel für ihren Geldgeber getan haben. Heute sieht die Situation ganz anders aus. Nehmen wir David Sands. Zweitbester Online-Spieler des Jahres 2009 (laut Card Player), mit acht Siegen bei Sunday Majors einer der absoluten Dominatoren auf diesem Level. Vor zwei Jahren hätten wir fünf Minuten benötigt, ihm einen Profivertrag zu verschaffen. Heutzutage ist das viel schwieriger.

Im jetzigen Marktumfeld ist es also nicht möglich, für einen Spieler wie David Sands einen Sponsor zu finden?
Ich bin zuversichtlich, dass es uns bald gelingen wird. Bei ihm kommt natürlich hinzu, dass er aus den USA stammt, und dieser Markt stark gesättigt ist. Wäre Sands Deutscher oder Franzose, hätten wir längst einen Partner an Bord.

Wie sieht so ein Profivertrag denn eigentlich aus?
Das ist sehr unterschiedlich, es gibt etwa 15 verschiedene Grundmodelle. Normalerweise erarbeiten wir gemeinsam einen Tourneeplan mit Turnieren, an denen der Spieler gerne teilnehmen möchte, und der Sponsor bezahlt dann die Reise- und Unterhaltskosten sowie sämtliche Buy-Ins.

Ein Fixum ist also eher unüblich?
Das kommt auf den Spieler an. Ich bin kein grosser Befürworter von fixen Lohnsummen, das macht die Spieler träge und bequem. Wird der Spieler im Verhältnis zu seinen Leistungen bezahlt, dann muss er proaktiv sein, sich als Botschafter betätigen. Er muss präsent sein, den Kontakt mit anderen Spielern, mit Fans und den Medien suchen. Davon profitiert schlussendlich die ganze Poker Community, es ist also irgendwie auch ein idealistisches Konzept.

Woran werden seine Leistungen gemessen? Nur an den Resultaten?
Nein, nicht nur. Klar, wer gute Turnierresultate erzielt, der hat es einfacher. Aber auch ein Spieler, der eine schwächere Phase hat, kann für seinen Sponsor sehr wertvoll sein, vorausgesetzt, er tut etwas dafür.

Und für ausserordentliche Leistungen gibt dann einen Bonus?
Genau. Viele Spieler erhalten Prämien, wenn sie den Final Table erreichen, es kann aber auch Boni für Medienpräsenz geben, wenn ein Spieler viele Interviews gibt, beispielsweise.

Wieviel kann ein Spieler denn unter dem Strich verdienen mit einem Profivertrag?
Das ist sehr schwer zu beziffern. Das können 100'000 Dollar im Jahr sein, aber auch 2 Millionen Dollar, das hängt vom Spieler, von dessen Performance und von den Vertragsdetails ab. In der Regel verdienen die Spieler mit Preisgeldern mehr, aber vielen geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um die längerfristige Entwicklung ihrer Karriere. Ein Profivertrag kann auch ein Schritt in eine breiter definierte Zukunft sein.

Sprechen wir noch ein wenig über die Online-Industrie, Du bist ja täglich mit diesen Leuten in Kontakt. Werden PokerStars und Full Tilt auch in Zukunft den Markt dominieren?
PokerStars hat zur Zeit einen riesigen Vorsprung auf die Konkurrenz, Full Tilt ist eine gute Nummer 2. Für alle anderen wird es schwierig, in absehbarer Zeit aufzuholen. Interessant ist allerdings, dass Full Tilt vermutlich ähnlich viel Geld verdient wie PokerStars, obwohl sie deutlich weniger Spieler haben.

Warum?
Full Tilt hat meiner Ansicht nach die besseren Player Retention Tools, sie halten die Spieler also länger bei der Stange. PokerStars bekommt einen Grossteil der Neueinsteiger ab, aber ich glaube, Full Tilt hat einen deutlich höheren Anteil an regelmässigen Kunden.

Welche Anbieter werden am ehesten den Anschluss schaffen?
Das Cake-Netzwerk hat sicherlich sehr grosses Potenzial, und natürlich Party Poker. Vieles hängt aber auch von der rechtlichen Entwicklung in den USA ab, davon, wie sich die Lage rund um den Unlawful Internet Gambling Enforcement Act (UIGEA) entwickelt.

Die Umsetzung dieses Gesetzes wurde ja im November vergangenen Jahres auf Eis gelegt.
Ja, und es gibt Anzeichen dafür, dass die Umsetzung möglicherweise nie stattfindet.

Zum Beispiel?
Die Übernahme der World Poker Tour (WPT) durch PartyGaming ist sicher ein Signal. Es gibt diverse Parteien, die in Lauerstellung auf eine Öffnung des US-Marktes warten. Harrah's gehört auch dazu, die würden sich vermutlich blitzschnell an einem der grossen Multiskin-Netzwerke wie Cake oder iPoker beteiligen und ihre riesige Spielerbasis ins Internet transportieren. Das sind bloss meine Vermutungen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass uns ein spannendes Jahr bevorsteht.

Per Hagen, herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch.

***

Wer mehr über Per Hagen und die Agentur Poker Icons erfahren möchte, klickt hier.

 
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