Mittwoch, 14. April 2010 - Interview

"Ich spiele ehrlich gesagt auch nicht sehr gerne gegen andere Frauen"

Wer nach der besten Pokerspielerin der Schweiz fragt, hört ihren Namen besonders häufig: Sandra Salomon. Wir haben die 32-Jährige gefragt, was sie davon hält, wie sie sich in dem von angriffslustigen Männern geprägten Umfeld behauptet und welche Ziele sie mit dem Pokern verfolgt.

Von Lukas Hadorn

Sandra, vor ein paar Tagen haben Dich die PokerAction-Leser per Umfrage zur besten Pokerspielerin der Schweiz gewählt. Was bedeutet Dir das?
Das habe ich mitbekommen, und es freut mich natürlich, auch wenn es nicht wirklich ein repräsentatives Resultat ist. Aber es ist eine willkommene Aufmunterung. Seit ein paar Wochen läuft es mir nämlich nicht besonders gut.

Wirklich? Zu Beginn des Jahres lief es Dir doch noch richtig gut, im Januar warst Du sogar zwischenzeitlich die Nummer 1 im Swiss Ranking.
Ja, und seither geht es nur noch bergab (lacht).

Was geht denn schief?
Mir fehlt in den entscheidenden Momenten halt schon etwas das Glück momentan. Ich spiele die Turniere immer auf Sieg, und da gibt es oft so entscheidende Situationen, in denen es um sehr viel geht. Am Sonntag habe ich zum Beispiel in einem Turnier meinen restlichen Stack von 17 Big Blinds mit gepusht, nachdem zwei Spieler nur reingelimpt waren. Ein Spieler hinter mir, der mich knapp gecovert hatte, callte dann mein All-In und zeigte . Leider machte er auf dem River die Strasse. Klar, so etwas kann passieren, aber wenn es sich ein paar Mal wiederholt, beginnt man schon ein wenig zu hadern.

Was machst Du gegen den Poker-Blues?
Ich passe mein Spiel grundsätzlich meiner Bankroll an, also spiele ich im Moment die etwas tieferen Buy-Ins, bis ich den Tritt wieder gefunden habe. Auch online spiele ich im Moment etwas mehr, da kann ich gewisse Dinge ausprobieren, die ich an meinem Live-Spiel ändern möchte.

Zum Beispiel?
Nun, das einfachste Mittel, sich gegen solche Bad Beats wie jenen am Sonntag zu schützen, ist natürlich, sich einfach zu Beginn des Turniers mit aggressivem Spiel einen so grossen Stack aufzubauen, dass man ein bisschen Pech vertragen kann. Das machen viele erfolgreiche Spieler so. Und das kann ich bei einem $5.50- oder $11-Rebuy-Turnier im Internet natürlich besser üben als an Live-Turnieren, für die man oft extra irgendwo hinfahren und einen Abend opfern muss. Live baue ich mir meinen Stack viel konzentrierter und langsamer auf, weil man bei einem Fehler halt nicht einfach per Mausklick mit dem nächsten Turnier beginnen kann.

Wo spielst Du online?
Mehrheitlich auf PokerStars, aber ehrlich gesagt gefällt es mir da nicht sonderlich. Ich will jetzt nicht behaupten, dass da irgendwas krumm läuft, aber manchmal scheint es schon, als hätte man es als Short Stack in der Spätphase eines Turniers gegen die Chipleader besonders schwer – als würde man das Turnier absichtlich schnell zu beenden versuchen. Früher habe ich viel auf bwin gespielt, vielleicht fange ich da wieder an. Aber die Auswahl an Turnieren ist auf Stars halt schon viel grösser. Vielleicht gebe ich auch Full Tilt mal eine Chance.

Wie bist Du eigentlich zum Poker gekommen?
Durch Freunde. Zuerst waren es Privatrunden, in denen es um 20 Franken ging, und als die Turniere dann legalisiert wurden, habe ich auch an grösseren Turnieren teilgenommen.

Wo spielst Du am liebsten?
Ich bin sehr gerne in der Swiss Pokerlounge, aber auch bei PokerFame, headZH-up oder Value Poker spiele ich oft. Eine Lieblings-Location habe ich aber nicht.

Du spielst auffallend oft Swiss-Ranking-Turniere. Zufall?
Nein, ich habe natürlich schon etwas häufiger SR-Turniere gespielt, als es mir so gut lief. Ausserdem bieten alle meine Stamm-Locations SR-Events an, da trifft sich das natürlich gut. Und ich finde es interessant, zu sehen, wie man sich im Vergleich zu seinen Gegnern entwickelt, auch deshalb gefällt mir das SR gut.

Haben sich Deine Gegner eigentlich anders verhalten, als Du die Nummer 1 im Ranking warst? Merkt man so etwas?
Ja, ich wurde schon ein paar Mal darauf angesprochen. Manchmal hats auch ein bisschen genervt, weil viele Leute einfach meinten, man habe jetzt mal kurz einen guten Lauf. Man ist natürlich auch ein wenig ausgestellt als Ranking-Leader, es gab Turniere, in denen das gross angekündigt wurde, und dann wollen natürlich alle wissen, wie die Nummer 1 jetzt genau spielt. Das gefiel mir nicht so, ich stehe nicht sonderlich gerne im Vordergrund.

Du bist ja auch eine der wenigen Frauen in der Schweizer Pokerszene. Wie gehst Du damit um?
Das ist eigentlich kein Problem für mich, daran habe ich mich gewöhnt. Meistens finde ich es trotzdem ganz amüsant.

Wie reagieren die Männer auf eine Frau am Pokertisch?
Also wenn Sie auf besondere Weise reagieren, dann gibt es in der Regel zwei Muster: Entweder wollen sie nicht gegen Frauen spielen, aus welchen Gründen auch immer, oder sie sind der Ansicht, Frauen könnten eh nicht Pokern und würden immer nur auf gute Starthände warten. Einer hat sogar einmal zu mir gesagt: „Für eine Frau spielst Du gar nicht schlecht.“ (Lacht)

Hattest Du dieses dicke Fell schon immer? Am Anfang muss es ja doch schwierig sein, sich in einer solchen Männerdomäne durchzusetzen.
Ich hatte schon immer Hobbies, die eher von Männern ausgeübt werden als von Frauen – das mit dem DJing ist auch so ein Beispiel. (Überlegt) Ich weiss auch nicht, woran das liegt. Aber beim Pokern gehört Kritik einfach dazu, je schneller man das lernt, desto besser. Jeder kritisiert jeden, und als Frau bietet man halt eine besondere Angriffsfläche.

Braucht es mehr Frauen in der Pokerszene Schweiz?
Ja, ich finde schon. Es würde die Atmosphäre etwas auflockern. Obwohl: Ich spiele ehrlich gesagt auch nicht sehr gerne gegen andere Frauen.

Echt? Warum nicht?
Keine Ahnung, rein gefühlsmässig. Vielleicht sind sie schwieriger zu lesen. Und manchmal spielen sie vielleicht auch unkonventioneller als die Männer.

Vor welchen Schweizer Pokerspielerinnen hast Du am meisten Respekt?
Sandy Baggenstoss halte ich für eine ganz starke Spielerin. Sie spielt zwar auch eher tight, weiss aber ganz genau, wann sie aufs Gas drücken muss. Und Michelle Leemann ist ebenfalls sehr gut, auch wenn man sie in letzter Zeit nicht mehr so häufig sieht. Sie ist richtig aggressiv und hat "Eier", wie die Männer so schön sagen.

Und wie sieht es mit den Männern aus?
Da gibt es viele gute Spieler, aber Lukas Sasky hat mich in letzter Zeit sicher am stärksten beeindruckt. Ich sass kürzlich gleich zwei Mal mit ihm am Tisch und habe gesehen, dass er wirklich keine guten Hände braucht, um Pots zu gewinnen. Er liest die Gegner und die Situationen sehr gut und ist sehr aggressiv. Auch den Baha (Bahador Azad) finde ich sehr gut.

Welchen Stellenwert hat Poker eigentlich in Deinem Leben?
Es ist ein Hobby. (Überlegt) Aber als solches ist es halt doch recht wichtig geworden. Aber das ist eigentlich ziemlich typisch für mich: Wenn ich mit etwas Neuem beginne, dann bin ich meist sehr enthusiastisch und wende viel Zeit dafür auf.

Was machst Du beruflich?
Ich bin selbständig erwerbend, im Bereich Textildruck und Beschriftungen. Oft arbeite ich auch mit Poker-Veranstaltern zusammen, mache T-Shirts, Polos oder Jacken für sie. Für RaisePlace und Value Poker zum Beispiel habe ich schon Aufträge augeführt.

Und wo passt Deine Arbeit als DJane da noch rein?
Das ist neben Poker mein zweites grosses Hobby. Ich lege Techno und Minimal auf, seit kurzem bin ich Resident DJ im "Hive" in Zürich ("wickedwilma"), darauf bin ich recht stolz. Durch das viele Pokern habe ich das Auflegen schon ein wenig vernachlässigt, aber es hat bei mir immer noch einen hohen Stellenwert und gibt mir einen super Ausgleich.

Welche Ziele hast Du als Pokerspielerin?
Keine grossen, ehrlich gesagt. Zuerst will ich jetzt mal wieder Tritt fassen, ein paar Turniere gewinnen, bis dahin macht es keinen Sinn, grosse Pläne zu schmieden. Und bald geht’s für zwei Wochen nach Thailand in die Ferien, da muss Poker sowieso eine Weile warten.

Dann wünschen wir Dir zuerst gute Erholung und danach viel Erfolg! Ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch, Sandra.

 
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