Donnerstag, 28. Januar 2010 - Nice Hand

"Nice Hand" - Video-Review mit den Profis (Markus Lehmann 4/4): Ein mathematisches Problem

Herzlich Willkommen zur 8. Ausgabe von "Nice Hand". In dieser Wochenrubrik hocken wir uns mit einem Poker-Profi vor den Computer und schauen uns ein Youtube-Video an; die Aufzeichnung einer besonders interessanten, lustigen oder sonstwie bemerkenswerten Hand. Dabei wollen wir erfahren, was der Pro von den gezeigten Moves hält, was er anders gemacht hätte und was man sonst noch so alles daraus lernen kann.

Unser Profi im Januar heisst Markus Lehmann. Der gebürtige Deutsche, der schon an vielen schönen Orten der Welt gelebt hat - Monaco, Toscana, um nur einige zu nennen - lebt mittlerweile in der Schweiz. Seine Pokerkarriere begann bereits 1979, wobei er in der Zeit hauptsächlich sehr erfolgreich sein Unternehmen aufbaute. Anfang des neuen Jahrtausends wurde er, als er geschäftlich in den USA war, auf den neuen Pokerboom aufmerksam. Er investierte viel Zeit in das ausgiebige Studium modernen Pokers. Nach einigen Erfolgen bei den ersten Turnieren kam 2007 der Durchbruch mit dem Sieg der WPT Spanish Championship in Barcelona, als er sich am Final Table gegen Spieler wie Steve Sung und Gus Hansen durchsetzte ($789'592). Insgesamt hat der Full-Tilt-Profi in seiner Karriere mehr als eine Million Dollar an Preisgeldern verdient.
 
Markus Lehmann verbringt seine Zeit gerne damit, sich seinem beachtenswerten Weinkeller zu widmen, zu Reisen und dabei auch mal eine Runde Golf zu spielen. Ausserdem hat er einen Hang zu schnellen, schönen Autos...

Was die Videos betrifft, so haben wir in diesem Monat Hände ausgewählt, die im Herbst beim "Party Poker World Open V" in London gespielt wurden. Insgesamt sechs Sit'n'Go's mit jeweils acht Spielern wurden gespielt, die Sieger qualifizierten sich direkt für den Finaltisch, die Zweitplatzierten durften immerhin zu einem Hoffnungslauf antreten.

Im ersten Heat trafen mit Luke "_FullFlush1" Schwartz und Yevgenyi "Jovial Gent" Timoshenko zwei Online-Schwergewichte aufeinander. Aber die anderen Spieler, darunter die beiden Deutschen Online-Qualifikanten Jörg Müller und Christian Schäfer wollten den beiden das Feld natürlich nicht kampflos überlassen. Gestartet wurde mit 300'000 in Chips, was einem doch komfortablen Verhältnis von 150 Big Blinds entsprach. Dem einen oder anderen Move sollte also nichts im Weg stehen.

Bei Blinds von 5000 und 10'000 kam es zu einer Situation, wie sie zu diesem Zeitpunkt in Turnieren gerne vorkommt. Jörg Müller hatte mit im Cutoff auf 25'000 geraist, Christian Schäfer erblickte ein paar Zehnen und pushte seinen Stack von 223'000 in die Mitte. Ein Snapcall für Müller, aber da war ja noch Luke Schwartz vor ihm an der Reihe. Und der hielt ...



Was sind Deine ersten Gedanken zu dieser Situation, Markus?
Das ist eine sehr spannende Hand. Der ursprüngliche Raise mit und der Push mit sind beide ok, das ist ziemlich Standard. Aber dass Luke Schwartz dann seinerseits all-in geht, halte ich für ein klares Misplay.

Warum?
Weil er gegen die Ranges seiner Gegner in der Regel alt aussieht. Klar, der Initial Raise von Jörg Müller bedeutet nicht viel, der kann vom Cutoff aus mit vielen Händen eröffnen. Aber das All-In von Christian Schäfer sieht nicht nach einem Airpush aus, der ist ja auch nicht mit solchen Moves aufgefallen bisher.

Welche Range an Händen würdest Du Schäfer an Stelle von Luke Schwartz geben?
, , , , und . Eine Hand wie gebe ich ihm schon nicht mehr, ist wohl gerade so auf der Kippe. Und gegen diese Range sehe ich mit halt einfach schlecht aus. Hinzu kommt noch die Möglichkeit, dass auch der ursprüngliche Raiser Jörg Müller eine gute Hand hat, der muss ja auch nicht immer mit Müll raisen. Also für mich ist das ein glasklarer Fold.

Mit welchen Händen würdest Du ein All-In in Betracht ziehen?
Also ,   und gehören sicher nicht in meine Shoving Range, bei und fange ich an, zu überlegen.

Nun gut, Luke Schwartz macht also einen fragwürdigen Shove mit , aber die Entscheidung, mit der Jörg Müller jetzt konfrontiert ist, ist ja nicht minder interessant. Der hat ja eine richtig starke Hand.
Als ich das Video zum ersten Mal sah, dachte ich instinktiv: guter Fold. Es scheint, als könne Müller hier nur folden, aber ich habe dann immer wieder darüber nachgedacht, und irgendwann war ich mir nicht mehr so sicher.

Welche Punkte gilt es hier zu berücksichtigen?
Zuerst einmal muss man erneut das Turnierformat erwähnen. In einem normalen, mehrtägigen Turnier wäre das ein einfacher Fold, da will ich mein Turnier nicht in einer solchen Situation riskieren. Aber hier haben wir ein "Winner Takes All"-Format, die Blinds steigen schneller an, etwas riskantere Aktionen sind durchaus angebracht. Das spricht für einen Call.

Was spricht dagegen?
Die Mathematik. Ich habe das in PokerStove mal ein bisschen simuliert, und selbst wenn ich Luke Schwartz eine enorm breite Shoving Range attestiere, die rund 17 Prozent aller Starthände entspricht, komme ich nur auf rund 34 Prozent Equity. Ich müsste aber eine Gewinnwahrscheinlichkeit von knapp 40 Prozent haben, um einen Call zu rechtfertigen.

Aber es ist schon gut möglich, dass Schwartz hier mit einer Menge Hände drüberkommt. Mit Small und Middle Pairs zum Beispiel, mit denen er gegen Schäfer auf einen Coin Flip hofft. Und wenn Müller foldet, ist ja auch ein bisschen dead money im Pot.
Davon gehe ich in einer solchen Situation nicht aus, ich gebe dem Luke Schwartz hier mindestens , er riskiert ja schliesslich rund ein Drittel seines Stacks gegen einen tighten Spieler, der mit einem 3-Bet-Shove schon viel Stärke gezeigt hat. Darum halte ich den Push mit auch für einen Fehler.

Es gibt also Gründe, die dafür, und solche, die dagegen sprechen. Wie entscheidet man in solchen Situationen?
Was man sich in solchen Momenten auch vor Augen führen muss, ist die eigene Spielstärke im Bezug auf die Gegner. Wenn ich mich meinen Gegnern überlegen fühle, und mein Geld möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt besser investieren kann, dann folde ich hier. Aber es kann auch sein, dass mir in einer solchen Situation Patrik Antonius und Phil Ivey gegenübersitzen. Dann packe ich diese Chance und schiebe ich mein Geld rein. (Lacht) Das würde ich wahrscheinlich genau so tun.

Nun mangelt es vielen Spielern aber daran, objektiv beobachten zu können. Wie findet man heraus, ob man seinen Gegnern überlegen oder unterlegen ist?
Das ist ganz einfach. Wenn man nicht merkt, wer am Tisch schlecht spielt, dann ist man es wahrscheinlich selbst.

 
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