Mittwoch, 07. April 2010 - Nice Hand

"Nice Hand" - Video-Review mit den Profis (Michael Keiner 2/5): Klein-Klein mit Annette Obrestad und Antonio Esfandiari

Herzlich Willkommen zur 18. Ausgabe von "Nice Hand". In dieser Wochenrubrik hocken wir uns mit einem Poker-Profi vor den Computer und schauen uns ein Youtube-Video an; die Aufzeichnung einer besonders interessanten, lustigen oder sonstwie bemerkenswerten Hand. Dabei wollen wir erfahren, was der Pro von den gezeigten Moves hält, was man anders machen und sonst noch so alles daraus lernen kann.

Unser Gast im April ist der frischgebackene PokerStars-Pro Michael Keiner. Der "Doc", wie Keiner aufgrund seiner Karriere als kosmetischer Chirurg heisst, ist eine fixe Grösse bei internationalen Live-Turnieren, im Jahr 2007 gewann er an der World Series of Poker in Las Vegas eines der begehrten Bracelets, und zwar im Seven Card Stud, seiner ursprünglichen Paradedisziplin. Dass er auch im No-Limit Hold’em zu den absoluten Weltklassespielern gehört, bewies der 51-Jährige unter anderem mit seinem Sieg beim UK Open im Jahr 2008 ($250'000). Keiner ist aber nicht nur als Spieler unterwegs, dank seinem professionellen Auftreten und seiner eloquenten Art ist er auch als Moderator, Coach und Berater sehr gefragt. Wir freuen uns sehr, Michael Keiner im April als Gast bei "Nice Hand" begrüssen zu dürfen. Er schaut für uns ein paar Hände an, die während der "Nicknames Week" bei Poker After Dark gespielt wurden. Die sechs Teilnehmer starteten mit einem Stack von 20'000 Chips in ein Winner-Takes-All-Turnier, es zählt also lediglich der Sieg ($120'000), alle anderen Spieler gehen leer aus.

Zu Beginn des Turniers gingen die Spieler verständlicherweise keine unnötigen Risiken ein, bei vielen Händen kam es erst gar nicht zu einem Showdown. Anders in dieser Hand: Annette Obrestad nutzte ihre Position, um Mike Matusow und Antonio Esfandiari die Blinds zu klauen, letzterer wehrte sich aber nach Kräften und wurde dafür belohnt.



Eine gute Hand, um über die kleinen Open-Raises der Internet-Generation zu reden, Michael. Annette Obrestads Raise ist ja eigentlich ein Min-Raise. Was hältst Du davon?
Ich halte Annette für eine großartige Spielerin, aber diese Min-Raises, gerade auf dem Button, halte ich für grauenhaft. Die sind mehr oder weniger unreflektiert aus Onlinekonzepten für späte Turnierphasen übernommen worden, machen aber in frühen und mittleren Phasen von Live-Turnieren überhaupt keinen Sinn. Jeff Lisandro hat einmal gesagt: "Die erfolgreichen Min-Raiser treffen sich alljährlich in Las Vegas zu einem Kongress. Aufgrund der enormen Anzahl an Teilnehmern findet dieser in einer Telefonzelle statt." Gute Online-Spieler sind auf dem Button oder in klassischen "Blind-Battles" inzwischen schon wieder von diesen Mini-Raises weggekommen und versuchen, dem Big Blind die Odds für einen Call mit any two zu nehmen.

Könnte es sein, dass es Annette schlicht und einfach darum geht, ihre vermutlich bessere Hand in Position um ein bisschen mehr Geld zu spielen? Will Sie einen Call?
Das wäre ganz schön überheblich. Die Hand ist extrem anfällig und besitzt selbst gegen zwei beliebige Karten des Big Blinds nur etwa 60 Prozent Gewinnwahrscheinlichkeit. Kommt Esfandiari mit einem Reraise drüber, tut sie sich mit einem Call ungeheuer schwer und muss meistens folden. Gegen sehr schlechte Spieler kann sie diese Strategie mitunter erfolgreich durchziehen, aber nicht gegen einen Spieler wie Esfandiari. Hier davon auszugehen, ihn standardmäßig zu outplayen, nur weil sie Position hat, wäre sicher eine Fehleinschätzung der Situation.

Was hältst Du von Esfandiaris Check auf dem Flop? Geht er davon aus, dass Annette c-bettet? Wenn ja, würde er dann raisen oder bloss callen?
Ja, er geht nach dem Preflop-Minraise wahrscheinlich von einer Contibet aus. So wie ich ihn kenne, würde er an dieser Stelle nur callen und nicht raisen. Er weiss, dass es in dieser Turnierphase sehr wichtig ist, die Grösse des Pots zu kontrollieren.

Annette checkt behind. Viele Spieler würden hier wohl weiterfeuern.
Sie macht keine Contibet, weil sie auf diesem Flop mit ihrer Hand einen gewissen Showdown Value hat. Zudem will sie es unbedingt vermeiden, von Esfandiari ge-checkraist zu werden, weil sie darauf folden müsste. Esfandiari gehört zu den Leuten, die auf einem solchen Flop auch mit gar nichts in der Hand raisen würden. Annette weiß das und passt sich deshalb an. Das ist gut gespielt.

Warum aber callt Annette Antonios Bet auf dem Turn? Floatet sie bloss? Oder hat sie Anlass, zu glauben, sie habe die beste Hand?
Sie glaubt, die beste Hand zu halten. Nach ihrem Check behind am Flop wird Antonio in sehr vielen Fällen anspielen, auch wenn er nichts hat. Annettes Hand ist mit Ace High aber so marginal, dass sie den Pot klein halten will.

Esfandiari spielt seine Hand auch auf dem River an, das sieht nach einer Value Bet aus. Von was für Händen erhofft er sich einen Call? Und warum hat er keine Bedenken, Annette könnte eine starke Hand slowplayen?
Natürlich ist es eine Value Bet, dass Annette hier slowplayt ist unwahrscheinlich, denn selbst mit einer dritten in der Hand hätte sie am Turn geraist. Der Raise am Turn ist die einzige Möglichkeit für sie, den Pot mit einer starken Hand fundamental aufzubauen. Esfandiari hofft auf einen Call von kleinen Pocket Pairs oder eben auch einer Hand, wie Annette sie hat.

Warum callt Annette? Geht sie davon aus, Antonio würde eine 10, eine 4 oder eine 5 niemals for value betten, sondern wenn, dann check-callen? Warum denkt sie, ihr Ass hoch sei die beste Hand?
Annette weiß, dass Antonio einen Bluff auch am River weiterhin durchziehen würde. Genauso ist ihr klar, dass er ein Raise am River mit einer getroffenen 10, eventuell auch mit einer getroffenen 5 callen würde. Betrachtet man die gesamte Hand-Range, mit der Antonio sowohl am Turn als auch am River anspielen würde, ist ihre Hand in 40 bis 50 Prozent aller Fälle tatsächlich die Siegerhand. Ihr Call ist also langfristig profitabel.

***

In der kommenden Woche demonstriert uns Mike “The Mouth” Matusow, wie Double-Barreling funktioniert. Eine Bet auf dem Flop ist schliesslich oftmals nicht ausreichend, um eine Geschichte glaubwürdig zu erzählen.


Wer mehr über Michael "The Doc" Keiner erfahren möchte, schaut sich am besten auf dessen Website um.

 
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