Von Lukas Hadorn

Dealer's Choice

In unserem wöchentlichen Home Game, das mehrheitlich von Amerikanern und nur wenigen Europäern bevölkert wird, schlug letztens einer zu Beginn des Abends vor, "Dealer's Choice" zu spielen. Immer nur Texas Hold'em sei langweilig, diese Runde brauche dringend etwas Action. Die meisten Amis stimmten sogleich freudig zu, die beiden Engländer am Tisch schauten skeptisch, und ich sprach mich offen dagegen aus. Omaha und Stud ging ja noch, aber auf die ganzen Wild Card Cames hatte ich nun wirklich keine Lust. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, bangte ich um den Vorteil, den ich beim Hold'em hatte. Aber ich gab mich sportlich und willigte schliesslich ein.

Zum Glück.

Die folgenden fünf Stunden gehörten zum unterhaltsamsten, was ich beim Kartenspielen seit langem erlebt hatte. Nichts gegen Hold'em, das Spiel mit zwei Hole Cards ist auch weiterhin mein Favorit. Aber es tat gut, mal für einen Abend eine andere Schallplatte aufzulegen, andere Denkmuster zu üben, Spiel- und Risikoverhalten anzupassen.

Beim "Dealer's Choice" - der Name verrät es - wechselt mit jeder Hand auch das Spiel. Der Dealer bestimmt, was gespielt wird, und ich war von der grossen Anzahl Kartenspiele, die meine Kollegen von ennet dem Teich kannten, ehrlich beeindruckt. Genau wie wir Schweizer den Jass in unterschiedlichen Varianten pflegen, kennen die Amis unzählige Kartenspiele, die allesamt auf den Poker-Kombinationen (Royal Flush, Straight Flush, Quads...) beruhen.

Abgesehen von Omaha (Hi / Hi-Lo) und Stud (5 / 7 Card), die ich bereits gespielt hatte, lernte ich an diesem Abend unter anderem folgende, mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Spiele kennen:

"Good Row, Bad Row"
Jeder Spieler kriegt 4 Karten ausgeteilt, in der Mitte des Tisches werden zwei komplette Boards à 5 Karten verdeckt hingelegt. Unterbrochen von Setzrunden dreht der Dealer jeweils zwei Karten gleichzeitig um, eine in der guten Reihe (good row), eine in der schlechten Reihe (bad row). Die gute Reihe ist prinzipiell das Gleiche wie Flop, Turn und River beim Hold'em, und es gilt, seine Hole Cards mit dem Karten auf der guten Reihe zu kombinieren. Die schlechte Reihe fungiert dabei als Spielverderber: Alle Karten, die auf der bad row aufgedeckt werden, sind sofort tot. Hält man solche in seinen Hole Cards, muss man sie abgeben. Es ist also durchaus möglich, dass einem nach mehreren teuren Setzrunden auf dem River noch ein Loch in die gefloppte Strasse geschossen wird.

"Spit!"
Ein Spiel mit Antes. Der Dealer bestimmt den Grundeinsatz, wenn alle einbezahlt haben, beginnt er auszuteilen. Während er die Karten austeilt, schreit ein beliebiger Spieler "Spit!", woraufhin die aktuell gedealte Karte umgedreht wird. Sie ist ab sofort wild, funktioniert also wie ein Joker. Es wird fertig ausgeteilt, bis jeder Spieler fünf Karten hat. Der Reihe nach kann jeder Spieler entscheiden, ob er drinbleiben oder aussteigen will. Wer drinbleibt, kann maximal zwei Karten austauschen, dann kommt es zum Showdown. Der Spieler mit der besten Hand (in der Regel Vier- und Fünflinge), gewinnt den Pot, die Verlierer müssen gleich viel in den Pot einbezahlen, wie schon drin war. Entschliessen sich also drei Spieler, mitzugehen, gewinnt einer den aktuellen Pot, die anderen beiden legen je gleichviel nach, was den Pot mit jeder Runde anwachsen lässt. Das Spiel endet, wenn nur ein Spieler mitgeht (was je nach Pothöhe zu einer echten Mutprobe werden kann) und gegen ein zufällig ausgeteiltes Blatt gewinnt.

"Guts"
Der Spielspass von Guts korelliert linear mit dem Alkoholkonsum. Jeder Spieler erhält zwei Hole Cards und hält diese verdeckt über die Tischmitte. Der Dealer zählt laut "1, 2, 3, Guts!", und jeder Spieler kann seine Hole Cards entweder behalten oder fallen lassen. Die verbliebenen Spieler vergleichen ihre Hände, der Gewinner mit den besten Hole Cards gewinnt den Pot, die Verlierer matchen den Pot. Auch hier wächst die Summe blitzschnell an. Bei diesem Spiel brach übrigens eine heftige Diskussion aus: Ich hatte mich dazu entschieden, fallenzulassen, was bei einigen Mitspielern grosses Unverständnis hervorrief. In den USA gelte die Faustregel, dass man eine Hand mit einem As immer spielen müsse, behauptete einer. Ich gab zu Bedenken, dass es bei 9 Spielern am Tisch ziemlich wahrscheinlich sei, dass mindestens einer ein Pocket Pair halte, und dieses mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auch behalte. Obwohl niemand die genauen Odds kannte, wurde laut gepoltert und mit Zeigefingern gerudert. Vielleicht kann ja ein Leser helfen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei 9 Spielern, die je zwei Karten ausgeteilt bekommen, einer ein Paar hält?

"King and a Wiener"
Der König und das Würstchen. Jeder Spieler erhält fünf Karten, Könige sind wild, gleiches gilt für die tiefste Karte, die man erhält. Ein Traumblatt wäre also zum Beispiel . Da man Könige und die tiefste Karte als Joker benutzen kann, hätte man in diesem Fall ein Royal Flush von Herz. Eine Karte darf ausgetauscht werden, wenn man sich dazu entscheidet, im Spiel zu bleiben. Auch hier gilt: Winner takes the pot, losers match it.

"Cool Hand Luke"
Funktioniert grundsätzlich wie Texas Hold'em (zwei Hole Cards, Flop/Turn/River), allerdings gibt es auch hier eine Wild Card, also einen Joker, der als beliebige Karte benutzt werden kann. In diesem Fall ist es die tiefste Karte auf dem Board. Hat also ein Spieler beispielsweise , und der Flop kommt , so hat er einen Drilling Könige: Die Vier ist als tiefste Karte auf dem Board automatisch wild, also kann man sie zu einem König machen. Bitter: Kommt auf dem Turn oder River eine oder , sinkt der Wert des eigenen Blattes, da die keine Wild Card mehr ist.

Trotz meiner ursprünglichen Bedenken lief es mir an diesem Abend übrigens richtig gut. Denn obwohl viele dieser Spielvarianten nach reiner Glückssache klingen, gilt es auch hier Odds und Outs zu berechnen. Und alle Freunde der Spieltheorie kommen bei diesen Wild Card Games erst recht auf ihre Kosten. Ich kann jedem eingerosteten Hold'em-Spieler eine Runde "Dealer's Choice" jedenfalls nur empfehlen. Und wer es schafft, als Erstes eine ESBK-Qualifikation für ein Guts-Turnier zu bekommen, kriegt ein Bier von mir.

Ein Grosses.

Anzeige: 1 - 3 von 3. Kommentare zu «Dealer's Choice»
 
Ding Han aus Zürich sagt:
Dienstag, 09-03-10 08:02
Die Chance beträgt ungefähr 18%, dass mindestens ein Spieler ein Pocket Pair in der Hand hält.
 
Daniel Walter aus Wallisellen sagt:
Dienstag, 09-03-10 15:33
hören sich lustig an diese games :)

 
Lukas Hadorn aus Luzern sagt:
Mittwoch, 10-03-10 10:50
Danke fürs Rechnen, Ding. Nur 18 Prozent?? Dann hätte ich mein As wohl wirklich behalten müssen. Ich muss mir das noch einmal in Ruhe überlegen...

Dani: Aber nicht, dass sich die Hoooold'em-Crew jetzt plötzlich auf Spit! spezialisiert. ;-)
 
 

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