Von Lukas Hadorn

4-zu-1 hinten? Instacall!

Ich muss gleich zu Beginn dieses Blogs eine Theorie aufstellen: Poker kennt in Asien seine eigenen Gesetze. Wer schon einmal in Japan, in Südkorea oder China Poker gespielt hat, weiss das. Im fernen Osten gelten Mut und Risikobereitschaft mindestens gleich viel wie Odds und Outs, hier hat Gambling einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert als im Westen, und entsprechend rücksichtslos geht man auch zu Werke.

Die erste Lektion diesbezüglich lernte ich auf einem meiner ersten Trips nach Macau.

Für alle Pokerspieler in Südostasien ist die Halbinsel bei Hong Kong die Pokerdestination Nummer 1, seit der Legalisierung des Spiels Anfang 2008 haben mehrere Casinos Poker in ihr Angebot aufgenommen, darunter das Wynn Macau, Stanley Ho’s Grand Lisboa Casino und das zur Galaxy-Kette gehörende Starworld Casino.

Ich sass also auf einem flauschigen Sessel im Pokerraum des Wynn, schlürfte einen heissen Tee mit Milch (Stammgetränk vieler Spieler hier) und fand zu meiner freudigen Überraschung im Big Blind ein paar Asse. Das Spiel war No Limit Hold’em mit Blinds von 10 und 20 Hong-Kong-Dollar, was umgerechnet 1.30/2.60 Franken entspricht. Kleine Kanonen also. Die meisten Spieler hatten sich für 1000 HK-Dollar eingekauft, da aber in fast jedem Orbit ein Spieler nachladen musste, waren Stacks von 5000 HKD und mehr keine Seltenheit. Ich sass seit rund einer Stunde am Tisch und hatte ziemlich genau 2000 HKD vor mir stehen.

Die beiden Spieler zu meiner Linken limpten rein, ein Spieler in mittlerer Position machte einen Standard-Raise auf 100, und die Reihe war an einem sehr aggressiven Chinesen im Cutoff, der so gut wie keinen Pot an sich vorbeigehen liess. Auch dieses Mal nicht. Er stellte 400 rein, die restlichen Spieler foldeten, und ich war an der Reihe. Da ich seit Ben Affleck und „Pearl Harbour“ weiss, wie schlechte Schauspielerei aussieht, runzelte ich völlig übertrieben meine Stirn, rutschte auf meinem flauschigen Stuhl hin und her, verschüttete ein wenig Milchtee und machte schliesslich offensichtlich schweren Herzens einen Reraise auf 800. Jeder erfahrene Spieler hätte mir für diesen Move mitleidig lächelnd die goldene Himbeere verliehen, der Maniac schien aber tatsächlich darauf reinzufallen.

Nachdem der ursprüngliche Raiser sich aus der Schusslinie verabschiedet hatte, nahm der Maniac mit kampfeslustig blitzenden Augen meinen restlichen Stack genauer unter die Lupe. „Wie viel hast Du da?“ fragte er in gebrochenem Englisch. „Alles in allem habe ich etwa 2000“, sagte ich, „aber ich rate Dir, zu folden. Ich habe zwei Asse.“ Er zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Zwei Asse?“, rief er laut, und dann noch lauter: „OK, ALL-IN!“ Ich nanocallte und drehte sofort meine Karten um, woraufhin er – fast triumphierend – zwei Zehnen auf den Tisch knallte. „Let’s gamble!“, johlte er und schlug mit der Handfläche auf den Filz. „Zehn! Zehn! Zehn!“

Jetzt verstand ich die Welt nicht mehr. Ich hatte ihm gesagt, ich hätte Pocket Aces, um ihn invers-psychologisch vom Gegenteil zu überzeugen. Er aber schien mein Versprechen für bare Münze genommen und – erstaunlicher noch – seinen Call nicht nur trotz, sondern aufgrund der Tatsache gemacht zu haben, dass ich Asse hielt. „Du hast mir nicht geglaubt, was?“, grinste ich ihn an. „Doch, doch“, sagte er sofort. „Du bist ein ehrlicher Mann, ich sehe das. Aber ich will den Flop sehen. Es kommt eine Zehn, ich spüre es!“

Ich überlegte mir gerade, ob ich ihn über den Erwartungswert eines kleineren gegenüber eines grösseren Pocket Pairs aufklären sollte, als der ganze Tisch in wildes Geschrei ausbrach. Genau, der Dealer hatte als allererste Karte eine Zehn umgedreht, was allgemein als übernatürliche Bestätigung vom Triumph des Glücksspielers über den Analytiker gewertet wurde. Mein Gegner verteilte High-Fives und jubelte, als hätte er gerade als 17-Jähriger Wimbledon gewonnen. Ich gratulierte zähneknirschend und sah zu, wie der 4000-Dollar-Pot zu meinem Gegner hinüberwanderte.

Immerhin hatte ich etwas gelernt. Nicht, dass man mit zwei Zehnen jedes All-In callen kann, weil auf dem Flop stets eine dritte Zehn kommt, nein.

Sondern dass Macau ein verdammt guter Ort zum Pokern ist.

Anzeige: 1 - 3 von 3. Kommentare zu «4-zu-1 hinten? Instacall!»
 
Daniel Walter aus Wallisellen sagt:
Dienstag, 08-12-09 14:35
hehe, zählt pokern in asien auch zu den geschicklichkeitsspielen?
 
Lukas Hadorn sagt:
Dienstag, 08-12-09 15:30
Lol, definitiv nicht. Habe schon manchen ausländischen Grinder verzweifeln sehen. Musst mal vorbeikommen. Gewinn mal so ein APPT-Satellite oder so. ;-)
 
Daniel Walter aus Wallisellen sagt:
Dienstag, 08-12-09 17:12
Steht auf meiner ToDo-Liste für 2010 :)
 
 

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» Chris Engeler

... ja lieber Team O Partner ... mal was anderes p...

» Patrick Bucheli

...Card Dead limpe ich AQ UTG ins Geschen... wi...

» Koller Marcel

well done!!!

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danke euch allen vielmals für die netten worte! e...

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eigentlich gönne ich dir deinen erfolg nur schon....

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